Convivia Literaria - Authors Community for Literature and Art Projects - ISSN 1862-2429

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Von Reisen, Räumen und Reaktoren, von Franziska Beyer

 

Der sonderbare Forschungsurlaub des Christian R.

 

Begriffe wie „Raumforschung“ assoziieren wir zumeinst mit Raketen,  Schwerelosigkeit und Abermillionen Kilometern entfernten Planeten. Doch auch im Raum auf der Erdoberfläche gibt es die unterschiedlichsten Orte zu entdecken. Christian Rall, Student an der Karlsruher Hochschule für Gestaltung und unter Kommilitonen nur als „Bolla“ bekannt, versuchte sich einen Monat mit fast kindlicher Naivität daran, neue Erkenntnisse über unseren Lebensraum zu gewinnen.

Mit einem Minimalbudget von knapp 1.000 Euro, einem T3-VW-Bus als Zugmaschine und einem Wohn-Anhänger als „mobile Forschungsstation“ kreuzte er im Oktober durch Deutschland, Frankreich, die Schweiz, und wieder Deutschland. Einen fest definierten Fahrplan gab es nicht - wie die Reise verlief, entschieden Hinweise aus der Bevölkerung, eingegangen über die extra eingerichtete Raumforschungs-Hotline oder zufällig im Gespräch aufgeschnappt.

Auf diese Weise erkundete Bolla fast 30 Orte vom Acker bis zum Waschsalon. Als Mess-Instrumente nutzte der Szenografie-Student allerlei kuriose Leihgaben – darunter ein Metalldetektor, ein Oszilloskop sowie eine 3D-Kamera, aber auch ein esoterisch-pseudowissenschaftlliches und sehr mystisches Radionik-Gerät aus den 80er Jahren, dessen Hersteller auf seiner eigenen Website erklärt: „Rein technisch gesehen erfüllt dieses Gerät keinen Zweck“.

Die Ergebnisse seiner Analysen stellte er fast täglich auf seiner website als mp3-LiveStream zur Verfügung. Interessierte wurden so Zeuge von wunderlichen atmosphärischen Tönen in einer Tropfsteinhöhle, unglaublich erschreckenden Begegnungen in der Geisterbahn und einem im Nachhinein vertuschten Vorfall im Atomkraftwerk. Auch ein spirituelles Zentrum in einer fremden Wohnung mitten in Zürich wurde durch Bolla vermessen und auf Schwingungen untersucht; Und selbst vor der eigenen Intimsphäre gab es kein Halten: da wurde aus der „Raumforschung“ kurzerhand „Traumforschung“ – mit verblüffenden Resultaten.

Das Resümee dieser zuletzt offensichtlich erschöpfenden Forschungsfahrt? „Zu viele Orte, zu viele Kilometer, zu wenig Zeit, um mit den Orten warm zu werden“. Mehr Zeit an einem ausgewählten Ort verspräche optimale Forschungsergebnisse, meint der Mittzwanziger. Vielleicht auf der nächsten Tour? Diese soll im Frühjahr folgen. Die gesammelten Informationen sollen nun aufbereitet und Anfang 2007 in einer Ausstellung in Karlsruhe präsentiert werden.

FRANZISKA BEYER

 

Quelle: INKA Stadtmagazin Karlsruhe, Deutschland, Ausgabe 23 / 2006

 

Ein Archiv der gesammelten Audio-Dateien gibt es unter: http://myblog.de/raumforschung. Mehr Bilder und Informationen zum Projekt auf http://www.raumforschung.eu.

 

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